Der Kater vor dem Walzer-Rausch

Der Kater vor dem Walzer-Rausch

Spätestens seit 11. 11. ist es offiziell: mit dem Fasching ist auch die Ball-Saison wieder ins Land gezogen. Prinzessinnenträume werden wachgeküsst, Musik liegt in der Luft und der Sekt wird schon mal kalt gestellt. Doch während Frau die Wahl der Robe quält, bekommt Mann wechselweise Kopfschmerzen und kalte Füße.

Denn das, was vielen Vätern von angehenden Maturantinnen wie ein Damokles-Schwert über dem Haupte schwebt, sind diese alles entscheidenden drei Minuten nach der Polonaise – der Reifeprüfung erster Akt, grell beleuchtet vor den neugierigen Augen der Öffentlichkeit, genannt „Eltern-Walzer“. Hand aufs Herz: welcher Vater kann es vor dem eigenen Gewissen und den Handy-Kameras der Nachwelt schon verantworten, sein Töchterchen zu blamieren? Keiner.

Nun gibt es natürlich auch Ausnahme-Herren, die gut und gerne tanzen. Doch blicken wir der Realität ins Auge: sie sind die Minderheit. Der größere Teil der Männerwelt in unseren Breiten kriegt beim Wort „tanzen“ steile Falten auf der Stirn. Der kleine Scherz zur Erklärung kommt wie aus der Pistole geschossen:„ I bin Turnier-Tänzer, i tua nia tanzn!“ Wem der Humor abhanden kommt, flüchtet in die Krankheit.
Wie viele kaputte Knie und unsichtbare Verkrüppelungen, oder gar die berüchtigten, beidseitig gewachsenen linken Füße fesseln Männer Jahr für Jahr erfolgreich an die Bar, während Frauen sehnsüchtig die fröhlichen Paare am Tanzparkett anschmachten?Vermutlich hätten all diese Leiden unser Gesundheitssystem längst zu Fall gebracht, würden sie nicht immer nur akut am Ball auftreten (Fuß-Ball ist hier übrigens nicht betroffen!).

Doch wie das grausame Schicksal es so will: der Tag der Wahrheit kommt bestimmt. Irgendwann heiratet das Kind oder steht am eigenen Ball im Rampenlicht. Und spätestens beim tränennahen Satz: „Aber alle Väter tanzen mit der Tochter den Eltern-Walzer!!!“ muss er sich eingestehen: es gibt hier kein Entrinnen.
Dieses unergründliche Lächeln um die Lippen seiner Frau, gepaart mit jenem mitleidfreien Schulterzucken gibt ihm den Rest. Ach ja, die Tanzstunde hat sie schon ausgemacht.

Und während er spürt, wie kalter Schweiß über seinen Rücken läuft, sein Magen krampft und sein Schädel brummt, legt sich eine zarte Hand auf seine Schulter. Das Töchterchen, sein Augenstern, schenkt ihm das liebevollste Lächeln der Welt und sagt: „Schau mal, ich hab da auf austrio.at was für dich gefunden: Die 7 Goldenen Überlebens-Regeln bei Walzer-Pflicht.“
Überrascht wirft er einen Blick darauf, dann noch einen, und plötzlich kehrt die Hoffnung in sein Herz zurück – womöglich ist alles doch gar nicht so schlimm?!

Text: Daniela Kummer
Foto: Bernhard Bergmann

Daniela Kummer

Daniela Kummer konnte sich noch nie entscheiden, welche ihrer Leidenschaften ihr die liebste wäre. So wallen wahlweise Musik, Tanz, die Liebe zu Pferden und dem Rest der Natur, oder eben Literatur und Wissenschaft durch ihre Adern. Von grenzenloser Neugier getrieben hinterfragt sie gern und findet neue Wege, wenn die alten überholt erscheinen. Ursprünglich aus Graz lebt sie seit dem Weltuntergang 2012 in ihrer Seelen-Heimat, der Oststeiermark.

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